Karin Mulawa

Kunst entsteht in den Leerräumen
Lapislazuli Lapislazuli

Entre acte


(französisch: Darbietungen des Theaters, in der Zeit zwischen zwei Akten)

 

Kunst. Spielraum. Entre acte
Kunst, als Spiel, das sich ergibt, wenn wir die Bewusstseinsebenen wechseln und Raum für die eigene Kraft entsteht oder aber -
in welchem das Geschehene wirken kann....


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Une vie magique


An einem schönen Tag im Mai, als der Flieder duftig blühte, träumte ich erwartungsfroh die Ouvertüre meines Daseins.
Ein Vorhang aus schwerem, rotem Samt erhob sich alsbald zu beiden Seiten meiner Lebensbühne und präsentierte mir die Bretter, die die Welt bedeuten, mit so interessanter Patina, dass ich auf manch einfallsreiches Stück zu hoffen wagte.
Neugierig näherte ich mich dem Orchestergraben, um einen ersten Blick in die Menge zu werfen.


Am Pult stand der Dirigent und räusperte sich.
Im hochgeschlossenen Frack und mit glänzender Pomade ging er das Stück in Gedanken noch einmal durch, während sich seine schlanken Hände lässig um den Taktstock schmiegten.


Vor ihm saß die erste Geige.
Zierlich und elegant hob sie ihr Instrument, um sich sachte einzustimmen.
Neben ihr die Oboe, die ihr wiegend folgte. Ebenso das Saxophon und die Bratsche, die unauffällig über das Piano, dort mit dem Cellisten flirtete.


Lächelnd sah ich in den Zuschauerraum, um mir einen Überblick zu verschaffen, welches Publikum mein Leben denn begleiten sollte, als ich plötzlich innehielt.
Waren das nicht die Walküren da hinten im Parkett, die sich mit ihren wallenden Gewändern eigentlich auf der Bühne befinden sollten?
Und was hatte der Pausenclown denn jetzt schon in den vorderen Reihen verloren? Rotkäppchen tuschelte im Sperrsitz mit dem bösen Wolf, als wären sie die allerbesten Freunde und Blaubart gab sich mit Frau Holle in einer der hell erleuchteten Logen zu meiner rechten ein munteres Stelldichein.


Ratlos betrachtete ich den bunt gemischten Haufen.
Schauspieler und Statisten hatten es sich allesamt auf den Sitzen des Publikums gemütlich gemacht, während hinter mir, wie von ferne, die Generalprobe zu beginnen schien.
Nur, - mit welchen Schauspielern?


Aus den Seiteneingängen strömte jetzt das Publikum auf die Bühne und bereitete sich darauf vor, der Menge das Stück vorzuführen.
Jedoch, - welches Stück?
Die Szenen schienen traumverloren und doch so wirklich, dass es mir schwer fiel zu sagen, wer denn nun der Akteur und wer der Zuschauer war und vor allem:
Was denn hier eigentlich gespielt wurde?


Rübezahl warf, vom Stück inspiriert, lauthals lachend seine Maske auf die Bühne, die der Portier sich dankbar überstülpte. Und das kleine Mädchen, das bis eben noch fröhlich über die Bretter hüpfte, fand sich auf einmal in einem Vogelkostüm wieder, um in diesem Aufzug blind die Körner aufzupicken, die das Schicksal für es ausgestreut hatte.


Die erste Geige entschied sich nun dafür, mit dem Dirigenten eine Tasse Kaffee trinken zu gehen, weil sie sich in dem Stück sowieso nicht mehr auskannte.
Dem Dirigenten war das recht, denn er hatte seinen eigenen Probleme, sagt man, - er war wohl Kriegsveteran.


Die Bratsche flirtete weiterhin mit dem Cellisten und bedeutete mir, es ihr gleich zu tun, - was blieb einem bei diesem absurden Theater denn übrig?


Verwirrt sah ich mich um, als mich ein Weiser anrempelte, der sich in der Laterna magica des Lebens wohl ein bisschen verlaufen hatte.
Ob ich mit ihm gehen wolle, fragte er mich lächelnd, umständlich seine Bücher unter den Arm geklemmt und schon im Weitergehen begriffen. Er sei eigentlich nur auf der Durchreise und ich solle mich beeilen, denn sonst würde ich den richtigen Zeitpunkt verpassen.
Den richtigen Zeitpunkt? fragte ich, während ich mich an seine Rockschöße klammerte und nachhakte. Den richtigen Zeitpunkt, - wofür?
Den richtigen Zeitpunkt um zu leben! stammelte er und verließ eilends die Bühne, so als würde er vor irgendetwas davon laufen.
Hör nicht auf ihn, drang es nun von links an meine Ohren, als sich ein Doktor der Psychologie erbot, mir den richtigen Weg zu weisen. Der richtige Zeitpunkt kommt sowieso nie. Es sei denn - man ergreift ihn! Und er vollführte eine Bewegung, die aussah, als hätte er eben mit Mantel und Degen eine Wachtel aufgespießt.


Welch hektisches Treiben, ließ die Putzfrau nun verlauten, die sich wunderte, dass nach Feierabend immer noch so viele Schauspieler zugegen waren.
So werde ich ja nie fertig!
Sie krempelte die Ärmel hoch und verscheuchte mit ihrem riesigen Wischmopp alles, was sich noch im Zuschauerraum und auf der Bühne befand, um endlich Kehraus zu machen.
Der Inspizient pflichtete ihr bei und löschte die Lichter.


Einer nach dem anderen schob sich in den Garderobenraum, um noch das kleine Gläschen Sekt zu trinken und sich über die Tiefgründigkeit des heutigen Stückes zu amüsieren.
Kopfschüttelnd machte ich mich daran im Halbdunkel eine Staffelei aufzustellen, um das Gesehene wenigstens in ein paar Bildern festzuhalten und vor der Vergänglichkeit zu bewahren.

Die Nachwelt könnte es sonst bezweifeln.

Polynesia inside